" Himmlisch Essen, ohne Sterne "

Wer Mühe hat, sich vorzustellen, daß Rosinen und
Eisbergsalat, Zimt und Karotten, Schokolade und Brokkoli
am Gaumen zu einer aromatischen Komposition zusammenfinden
können; wer ungläubig vor der Idee steht, sich als Dessert
genüßlich Salateis, Gemüseeis oder Lachseis auf der Zunge
zergehen zu lassen, der ist reif für die "Kulturoase Shiva".
Claudia Pohl und Vinay Sansi präsentieren in Bermatingen,
etwas nordöstlich von Meersburg, eine überzeugende Art,
nicht nur kulinarische Brücken zu schlagen.

Schauplatz ist der Eichenhof, einst exterritoriales Lehen
des Schweizer Klosters Zofingen. Die weinbewachsene Fassade
mit dem ochsenblutroten Fachwerk, die Halbwalmdächer an beiden
Giebeln, der blühende und grünende Vorgarten, der
natursteingepflasterte Hinterhof mit den schmuck gedeckten
Tischen unterm Haselnußbaum geben ein Bild idyllischer
Ländlichkeit.

Und im Restaurant verströmen unter der original Konstanzer
Balkendecke, neben einer alten holzgeschnitzten Madonna
Buddha und Shiva, der Gott der Veränderung, in sitzender
und tanzender Darstellung, ein anderes Fluidum. Eine
Seidenmalerei erzählt die Liebesgeschichte Krishnas, und auf
dem Flur zum Hof begrüßt eine 300 Jahre alte, brusthohe
Messingskulptur Ganeshas, eines Sohnes von Shiva, die Gäste.
Dahinter zeigt die Fotogalerie vielleicht das Leben indischer
Straßenkinder oder die ewige Wanderung von Sinti und Romas
als Momente kulinarischen Infotainments für die Pausen
zwischen den Gängen.

Der Austausch über interkulturelle Probleme liegt Vinay Sansi
am Herzen, freilich ohne moralischen Zeigefinger, so wie
Claudia Pohl der dekorative Brückschlag zwischen Orient und
Okzident ohne jeden Ethnokitsch gelingt.

Der reizvolle Rahmen stellt eine Eastmeets-West-Cuisine in
den Mittelpunkt, die man gekostet haben sollte. Regionale und
europäische Produkte kommunizieren delikat mit fernöstlichen
Gewürzen und Kräutern vom Zitronengras bis zu marockanischer
Minze, Salat und Karotten ergeben, fein gehackt und puriert,
mit exotischen Aromaten den Lassi, ein vorzügliches
Joghurtgetränk zu scharfen Suppen. Pakora sind Nocken aus
zwölf Sorten Gemüse, indisch gewürzt und nach indischem Brauch
mit den Fingern ins Chutney getaucht. Auch mit der gefüllten
Perlhuhnbrust nach Tandoori-Art in exzellenter asiatischer
Pflaumensoße kochen und servieren der Inder Vinay und seine
deutsche Gefährtin Claudia feine kreative euroasiatische Küche.
Und das Lachseis, man muß es probiert haben, es ist ein Gedicht.