Kochen in Deutschland

Stern ( Februar 1998 )

Diplomat wollte er werden. Dann entdeckte er den Spass
am Herd. Wer im Restaurant  " Shiva "  Platz nimmt,
sollte alles vergessen, was er bislang übers Kochen wusste.
Denn es könnte sein, dass ihm als Dessert ein Fischeis
vorgesetzt wird.

Jedes Restaurant möchte gerne anders sein als die anderen.
Unterschiede machen Neugierig, und Neugier bringt Kundschaft.
Für Vinay Sansi ist Essen in erster Linie Kommunikation, und so
baute er im " Shiva " einen grossen Tisch für seine Gäste auf.
Sie sollten ins Gespräch kommen. Die Idee erwies sich als Flop:
Geschäftsleute wollten betriebsinternes besprechen, Ehepaare
häusliches, Liebende nicht belauscht werden.

Ein normaler Wirt aber möchte der quirlige 50jährige nicht sein.
" Den Rahmen sprengen " ist seine Devise- auf Teufel komm raus.
Nun schwebt ihm eine Synthese zwischen Gaumenfreude und 
geistiger Horizonterweiterung vor. " Über das Essen kann man
viele Informationen transportieren "

Im Speiseraum des 300jährigen Bauernhauses steht eine
Bibliothek zum Blättern und Ausleihen - das Kamasutra etwa,
Ayuvedisches, Prachtbände über Sitten fremder Völker. Daneben
reihen sich Gewürze, den Gästen zum Schnuppern empfohlen.
" Vorurteile lösen sich im Magen auf ", ist eine von Sansis
Spruchweisheiten. Eine andere : " Jeder kann kochen. Man muss
nur dem Spieltrieb freien Lauf lassen." Er tut es ungebremst.

Das Restaurant " Shiva ", nach dem hinduistischen Gott der
Veränderung und Zerstörung benannt, steht zwitterhaft zwischen
Edelgastronomie und Wohngemeinschaftsküche. Für das Edle
sorgt Claudia Pohl, Sansis bodenständige Lebensgefährtin.

Die Kauffrau hat in Indien Rezepte gesammelt. Typisch indisch
aber kocht sie nicht. Wie auch ? Die Essgewohnheiten in dem
Subkontinent der vielen Völker und Religionen sind völlig
unterschiedlich.

Was im " Shiva " aus der indischen Küche vor allem verwendet
wird, sind die Gewürze und Kräuter. Geröstete, gemahlene und
gebratene Früchte, Schoten, Samen verarbeitet Claudia Pohl in
zahlreichen Mischungen.

Vor allem bei vegetarischen Gerichten zeigt die Hobbyköchin,
die selbst kaum Fleisch isst, ihre Begabung.

Und zum Abschluss empfehlen wir noch Vinay Sansis neueste
Kreation - Eisvariationen aus Mango mit Safran und Möhren.

Originaltext: Jörn Voss; Stern 9/98; 19-02-1998; Seite 138

Den Originaltext finden Sie Hier